Schule und Erziehung

Geteilte Verantwortung – mehr Freiräume

Kollegiale Schulleitung am Gymnasium St. Michael in Paderborn v.l.: Martin Rüther, Claudius Hildmann und Sr. M. Ulrike Brand.pdp/Lena Reiher Paderborn, 17. Dezember 2018. Aller guten Dinge sind drei. Und sechs Schultern tragen Verantwortung besser als zwei – auch am Glaubens-Ort Schule. Am Paderborner Gymnasium St. Michael, das sich in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn befindet, wurde heute die neue „kollegiale Schulleitung“ eingeführt. StD i.K. Claudius Hildmann, der die Aufgaben des Schulleiters übernommen hat, der stellvertretende Schulleiter StD i.E. Martin Rüther und Oberstufenkoordinatorin StD‘ i.E. Schwester M. Ulrike Brand CSA sprechen im Interview über ihre Zusammenarbeit.   

Was heißt „kollegiale Schulleitung“?

Hildmann: Das NRW-Landesrecht ermöglicht es, die Leitungsverantwortung an privaten Ersatzschulen in freier Trägerschaft auf mehr Schultern als auf die des Schulleiters und seines Stellvertreters zu verteilen. Eine kollegiale Schulleitung besteht aus mindestens zwei Personen – unser Schulträger hat sich für drei entschieden. Theoretisch könnten auch noch mehr Personen eine kollegiale Schulleitung bilden, von denen sogar nicht alle zwingend Lehrkräfte sein müssen. Denn neben dem pädagogischen Betrieb gibt es ja viele weitere Aufgaben an einer Schule.

Welche Chancen bietet das Modell besonders für das Gymnasium St. Michael?

Rüther: Eine Schule zu leiten, bedeutet viel Verantwortung – gerade in unserer Situation, in der das vorherige Leitungsteam sehr lange im Lehr- und Leitungsdienst war und wir dann in schneller Abfolge einen Personalwechsel in beiden Positionen hatten. Ich erlebe, dass wir im Team zusammen manchmal nur kleine Nuancen von Ideen verändern, was dann aber erhebliche Auswirkungen mit sich bringt.

Schwester Ulrike, Sie arbeiten seit 1999 am Gymnasium St. Michael. Damals war Ihr Orden noch Schulträger. Wie sah Schulleitung früher aus?

Schwester Ulrike: Die Schulleitung habe ich immer als sehr kooperativ empfunden. Alle Verantwortlichen haben daran gearbeitet, die Schule voranzubringen. Als unser Orden noch Schulträger war, waren wir Schwestern natürlich noch viel stärker im Kollegium und in den beiden Michaelsschulen präsent. Das hatte den Vorteil sehr kurzer Wege. Nach dem Wechsel zum Erzbistum als Träger sind sicher mehr Abstimmungen nötig, auch formaler Natur. Aber die Zusammenarbeit ist für mich nach wie vor kooperativ.

Welche Vorteile kann eine kollegiale Schulleitung haben?

„Das Modell der kollegialen Schulleitung kann in meinen Augen möglicherweise auch für andere Schulen eine Entwicklungschance sein“, so Schulleiter Claudius Hildmann.pdp/Lena Reiher Hildmann: Die Stelle der Schulleiterin oder des Schulleiters zu besetzen, ist häufig schwierig, da Bewerbungen mitunter ausbleiben. In meiner Zeit als schulfachlicher Referent im Generalvikariat habe ich bei Stellenbesetzungsverfahren nicht selten das Argument gehört: „Die Verantwortung des Schulleiters oder der Schulleiterin ist (mir) zu hoch.“ Gleichzeitig wurde der Wunsch nach einer stärkeren Verteilung dieser Verantwortung geäußert. Insofern kann das Modell der kollegialen Schulleitung in meinen Augen möglicherweise auch für andere Schulen eine Entwicklungschance sein.

Schwester Ulrike: Mein Wunsch war es immer, zu unterrichten und nah bei den Schülerinnen und Schülern zu sein. Das Modell ermöglicht mir dies und zugleich in leitender Verantwortung für die Schule Projekte mitzugestalten.

Rüther: Auch ich unterrichte gerne, aber dafür braucht es Zeit, eine gute Vor- und Nachbereitung. In meiner früheren Tätigkeit an einer öffentlichen Schule habe ich über die Betreuung von Projekten wie „Jugend forscht“ oder eben auch über Verwaltungsarbeit gemerkt, dass mir auch solche Tätigkeiten Freude machen. Das Modell schafft Freiräume für eine gute Kombination.  

Sie arbeiten seit August in dieser Form zusammen. Gibt es ein erstes Fazit?

Hildmann: Wir haben uns sehr schnell verlässlich zu einem guten Gespann zusammengefunden. Unsere Talente und Schwerpunkte ergänzen sich, glaube ich, sehr passend, und die Aufgabenverteilung ist klar. Und was äußerst hilfreich war: Die Verwaltung, das Kollegium und unsere Koordinatorenrunde haben mich persönlich und die neue Leitungskonstellation sehr gut aufgenommen. Das gilt auch für unsere Schüler- und Elternschaft. Worüber ich mich besonders freue: Unsere Schulpflegschaft hat sich zu Beginn des Schuljahres ganz neu konstituiert. Das hat mir gezeigt: Sehr viele Eltern sind bereit, sich aktiv für unsere Schule zu engagieren.

Rüther: Bei allen Veränderungsprozessen hat es sich als hilfreich erwiesen, sich in Dinge zunächst einmal behutsam und mit Fingerspitzengefühl einzufühlen, anstatt direkt das gesamte Ruder herumreißen zu wollen.

Wie sieht die Geschäftsverteilung aus?

„Als Oberstufenkoordinatorin kann ich meine Verantwortung für die Durchführung des Abiturs an unserer Schule sehr eigenständig wahrnehmen“, erklärt Schwester M. Ulrike Brand.pdp/Lena Reiher Schwester Ulrike: Als Oberstufenkoordinatorin kann ich meine Verantwortung für die Durchführung des Abiturs an unserer Schule sehr eigenständig wahrnehmen und damit die Schülerinnen und Schüler zu ihrem Bildungsabschluss begleiten. Dabei kann ich meine Erfahrung von fast 20 Jahren an dieser Schule einbringen. Neben einigen weiteren Zuständigkeiten, die bei mir liegen, beraten wir innerhalb der kollegialen Schulleitung gemeinsam über alle zentralen Schulentwicklungsthemen.

Rüther: Ich lerne viele neue Aufgabenfelder kennen: organisatorische Dinge wie beispielsweise den Umgang mit der derzeitigen Baustellensituation auf unserem Schulgelände, regelmäßige Absprachen mit den Hausmeistern oder auch die schulseitige Verantwortung für die Finanzen. Im Grunde geht jede Rechnung über meinen Schreibtisch.

Hildmann: Meine Zuständigkeiten liegen schwerpunktmäßig im Personalbereich. Ich kümmere mich, zumindest als Hauptzuständiger, um die Personalgewinnung, die Erstellung von Leistungsberichten und dienstlichen Beurteilungen, die Personal-, Unterrichts- und Schulentwicklung, die Konferenzleitungen, die Gremienarbeit und die Zusammenarbeit mit dem Schulträger bis hin zur Außenrepräsentation unserer Schule. Ganz oft klopft aber auch einfach spontan jemand mit einem Anliegen an die Tür unseres Sekretariates, und dann sind zahlreiche, zum Glück meistens sehr angenehme Gespräche zu führen.

Welche Herausforderungen sehen Sie für das Gymnasium St. Michael in den nächsten Jahren?

„Bei allen Veränderungsprozessen hat es sich als hilfreich erwiesen, sich in Dinge zunächst einmal behutsam und mit Fingerspitzengefühl einzufühlen“, erläutert Martin Rüther als stellvertretender Schulleiter.pdp/Lena Reiher Rüther: Das Thema „Rückkehr zu G9“ wird uns wie fast jedes Gymnasium in den nächsten Jahren vor enorme Herausforderungen stellen: Wir werden im Jahr 2026 von einem Schuljahr auf das andere einen ganzen Jahrgang mehr im Haus haben. Das muss logistisch erst einmal bewältigt werden – zum Beispiel, was ein kluges Ausnutzen unseres Raumangebotes anbetrifft. Und auch im Personalbereich werden wir präzise und langfristig planen müssen, haben aber hier wie dort auch schon ein paar konkrete Ideen im Kopf.

Hildmann: Das zweite grundsätzliche Stichwort, das wir an St. Michael ebenso wie andere Schulen haben und mit dem wir uns seit längerem intensiv beschäftigen, ist das „Lernen im digitalen Wandel“. Speziell auf unsere Schule bezogen ist darüber hinaus sicher auch der Bau der Grundschule und der weiteren Gebäude zu nennen. Eine Bauphase gilt es immer gut zu überstehen, doch nur so entsteht auch Neues. Wir freuen uns jedenfalls schon sehr auf die Fertigstellung der Grundschule und natürlich erst recht auf das Musikforum, die Sporthalle und den Schulhof. Und das Beste ist: Bis auf unsere allerobersten Jahrgänge werden unsere jetzigen Schülerinnen und Schüler das alles noch selbst erleben können. Deshalb bin ich mir sicher: Wir sind gut für die Zukunft aufgestellt.

Hintergrund:

Claudius Hildmann unterrichtet die Fächer Deutsch und Religion. Er war bereits von 2005 bis 2007 als Referendar am Gymnasium St. Michael. Es folgten Tätigkeiten als Lehrer an der Hildegardis-Schule in Hagen und in der Schulaufsicht der Hauptabteilung Schule und Erziehung im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn. Am 1. August 2018 wechselte er in die Schulleitung des Gymnasiums St. Michael.
Martin Rüther ist Lehrer für die Fächer Physik und Mathematik. Er legte sein Abitur am Gymnasium St. Xaver in Bad Driburg ab – wie das Gymnasium St. Michael in Paderborn eine Schule in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn. Sein Referendariat absolvierte er am Hüffert-Gymnasium in Warburg. Einer anschließenden Vertretungstätigkeit am Warburger Gymnasium Marianum folgte dann ab 2004 ein Einsatz am Gymnasium Adolfinum in Bückeburg, dessen Oberstufenkoordinator er seit dem Jahr 2009 war. Am 1. Februar 2018 wurde ihm die Funktion des stellvertretenden Schulleiters am Gymnasium St. Michael übertragen. 
Schwester M. Ulrike Brand CSA ist Ordensschwester der Augustiner Chorfrauen. Sie unterrichtet die Fächer Katholische Religionslehre und Geographie. Ihr beruflicher Werdegang führte sie an Schulen, die sich jetzt in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn befinden: Nach ihrem Referendariat am Mallinckrodt-Gymnasium in Dortmund arbeitete sie zehn Jahre an der Hildegardis-Schule in Hagen – ihr Orden, die Augustiner Chorfrauen, war bis 1999 Träger dieser Schule. Im selben Jahr wechselte Schwester Ulrike an das Gymnasium St. Michael – damals ebenfalls noch in Trägerschaft ihres Ordens –, wo sie seit 2005 Oberstufenkoordinatorin ist.

Das Gespräch führte Maria Aßhauer, Marketing, Kommunikation und Pressestelle im Erzbischöflichen Generalvikariat

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