Schule und Erziehung

Auch in der Krise immer ansprechbar

Paderborn, 9.6.2020 (pdp). „Home-Schooling“ wurde an den Schulen durch Corona zum Alltag. Unterricht mag digital funktionieren – aber gilt das auch für die Schulseelsorge? In den Schulen, die vom Erzbistum Paderborn getragen werden, gehören der Glaube und damit die Seelsorge als Teil einer ganzheitlichen Bildung zum besonderen Profil. Wie erleben die Schulseelsorgerinnen und Seelsorger im Erzbistum die Corona-Krise? Welchen Herausforderungen sind sie begegnet und welche „Glaubens-Erfahrungen“ haben sie gemacht?

Diakon Sebastian Springob ist Lehrer und Schulseelsorger am St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn.Foto: privatSchulleiter Markus Ratajski sowie Lehrer und Diakon Sebastian Springob vom St.-Ursula-Gymnasium im sauerländischen Attendorn sind Teil eines Schulpastoral-Teams, das sich aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterschiedlicher Disziplinen zusammensetzt. „In der Corona-Zeit versuchen wir, eine besondere Sensibilität für die familiäre Situation unserer Schüler über die Klassenleitungen aufzubauen. Durch die enge Zusammenarbeit zwischen Schulpastoral und Leitung erfahre ich da sehr schnell, wenn irgendwo der Schuh drückt“, sagt Schulleiter Ratajski

Emotionale Diakonenweihe am letzten Schultag

Für Sebastian Springob, der als Lehrer die Fächer Deutsch und Religion unterrichtet und 2015 offiziell zum Schulseelsorger ernannt wurde, hatte der Beginn des Shutdowns eine sehr persönliche Note: Am 13. März 2020 wurde er in Attendorn zum Diakon geweiht. Die Schülerinnen und Schüler hatten den Gottesdienst mit vorbereitet, konnten aber aufgrund der Corona-Regeln in der Weiheliturgie dann nicht mitwirken. „Trotzdem waren viele Schülerinnen und Schüler als ‚Privatpersonen‘ in der Kirche. Es flossen Tränen, weil den jungen Leuten bewusst war, dass sie eben an dem Tag ihren letzten Schultag hatten“, erinnert sich Sebastian Springob. Kurz vor Beginn der Abiturprüfungen konnte Diakon Springob im Rahmen der „Attendorner Impulse“, einem Angebot des Pastoralverbunds Attendorn, ein kurzes Video für die Prüflinge aufnehmen.

Wie kann ich Kontakt halten?

Schulseelsorger Christian Haase von der Hildegardisschule Hagen vor einem Wandbild: Jesus erklärt den „Super-Helden“ dieser Welt, wie er die Welt gerettet hat.Foto: privatChristian Haase ist seit 2009 Schulseelsorger an der Hildegardisschule in Hagen und unterrichtet katholische Religion. Als die Schulen vor den Osterferien geschlossen wurden, galt auch sein erster Gedanke der Abiturientia, die davon unmittelbar betroffen war. „Ich war froh über die Maßnahme an sich, denn ich halte die Schutzmaßnahmen für notwendig, aber natürlich drängten sich auch schnell Fragen auf, wie es in der Schule weitergehen kann“, so der Schulseelsorger.
„Wie kann ich unter diesen Bedingungen den Kontakt zur Schulgemeinschaft  halten und was kann ich anbieten?“, ging es auch Christine Sosna zu Beginn der Schul-Schließungen durch den Kopf. Die Gemeindereferentin ist Schulseelsorgerin an den Schulen der Brede in Brakel. Sie gibt Religionsunterricht in der fünften Klasse und betreut zahlreiche Projekte wie zum Beispiel die Taizéfahrt und den Taizé-Gottesdienst – beides musste in diesem Jahr ausfallen.

Schulgemeinschaft lebt von Begegnung

Christine Sosna ist Gemeindereferentin und Schulseelsorgerin an den Schulen der Brede in Brakel.Foto: Maria Aßhauer / Erzbistum Paderborn„Normalerweise ist die Kommunikation mit der Schulgemeinschaft unkompliziert, weil man sich ständig im Schulgebäude oder auf dem Schulhof sieht“, erklärt Sosna. In der ersten Phase der Schließungen lief die Kommunikation über E-Mail, das Schulportal oder das Telefon – das sei sicher eine gute „Krisen-Lösung“. „Aber die persönliche Begegnung fehlt und ist durch digitale Unterstützung nicht ganz zu ersetzen. Die Schulgemeinschaft lebt von der Begegnung, dem Austausch und der unmittelbaren Unterstützung“, sagt die Schulseelsorgerin.
„Wir mussten erst einmal alle lernen, diese Situation zu begreifen und zu akzeptieren“, erinnern sich Pastor Achim Hoppe und Gemeindereferentin Bettina Schmidt als Schulseelsorge-Team an den Schulen St. Michael in Paderborn an den Moment des Shutdowns. „Auf allen drei Homepages der Schulen wurde zum gemeinsamen Gebet eingeladen und darüber informiert, dass wir als Schulseelsorge jederzeit erreichbar sind.“ Nach den Osterferien wurde im Seelsorgeraum der Schule wieder ein tägliches persönliches Gesprächsangebot ermöglicht.

Neue Formate entstanden

Durch den Shutdown ist auch an der Hildegardisschule in Hagen Vieles ausgefallen: „Besonders schade war, dass unsere Orientierungstage für den Jahrgang E nicht stattfinden konnten“, bedauert Christian Haase. Auch zwei Theaterstücke zum Thema „Schöpfung“ und zum Thema „Turmbau zu Babel – was uns trennt und was uns eint“ konnten nicht mehr realisiert werden. Dennoch hat die Krise auch in Hagen neue Wege in der Schulpastoral geebnet: Es sind neue Formate wie ein Podcast entstanden. Außerdem konnte ein Autokino-Gottesdienst realisiert werden.

Gemeindereferentin Bettina Schmidt gehört zum Schulseelsorge-Team an den Schulen St. Michael in Paderborn.Foto: David Hesse / Erzbistum PaderbornDie Liste der Veranstaltungen, die wegen Corona ausfallen mussten, ist auch an den Schulen St. Michael in Paderborn lang: von Aktionen zum Misereor-Hungertuch bis zu einem sozialen Projekt aller 9. Klassen zur Unterstützung der Schulmaterialkammer der evangelischen Diakonie. „Damit hatten sich die Schülerinnen sehr viel Mühe gegeben“, sagen Bettina Schmidt und Pastor Achim Hoppe. Aber auch hier wurde der Kopf nicht in den Sand gesteckt: Durch regelmäßige Gebete auf der Homepage, durch Verteilen von Segenswünschen an die Abschlussschülerinnen und durch eine besonders gestaltete Willkommensecke im Eingangsbereich wurden religiöse Akzente gesetzt. 

Präsenz zeigen

Die momentan wichtigste Aufgabe sei es, tägliche Präsenz im Seelsorgeraum zu zeigen, die auch gut wahrgenommen werde, so das Seelsorgeteam an den Schulen St. Michael. Die Planungen der Gottesdienste für den Beginn des neuen Schuljahres unter Berücksichtigung der Corona-Verordnung laufen. Für die Begrüßung der neuen Schülerinnen und Schüler wurden kleine Filme gedreht und Flyer entwickelt, in denen sich die Schulseelsorge vorstellt. Auch einige soziale Projekte finden statt, zum Beispiel die Unterstützung von „youngcaritas“ bei der Aktion „Digitale Brieftaube“: Kinder und Jugendliche malen und schreiben für alte Menschen in Seniorenheimen.
Auch an den Schulen der Brede kommt nach den Lockerungen Schritt für Schritt mehr Normalität zurück: „Wir planen einen spirituellen Impuls für die Abschlussfeier der Absolventen an Gymnasium und Berufskolleg“, erklärt Schulseelsorgerin Christine Sosna. „Da ich jetzt wieder an der Schule bin, habe ich auch die Möglichkeit zum Trauergespräch.“

Gute Schulgemeinschaft bewahren

Christian Haase bietet seit der Lockerung an der Hildegardisschule in Hagen wieder Gespräche in seinem Schul-Büro an. Während des Shutdowns hat er diese über Mail und Videokonferenz geführt – vor allem über die Corona-Konsequenzen: „Es gab Sorgen über den verpassten Unterricht und Abschlüsse, die möglicherweise nicht erlangt werden. Später habe ich auch Gespräche zum häuslichen Lernen geführt oder zur Belastung in den Familien. Dieses Angebot wurde von Eltern und Schülerinnen und Schülern genutzt.“ Der Schulseelsorger aus Hagen hat während der letzten Monate einen deutlichen Zusammenhalt in der Schulgemeinschaft erlebt. „Es hat sich gezeigt, dass unsere Schulgemeinschaft in der Krise sehr gut funktioniert. Ich glaube, das ist nicht selbstverständlich. Dafür sollten wir dankbar sein und uns dieses Gefühl bewahren.“
Er sei zwischendurch an einem Punkt gewesen, an dem er selbst sehr genervt von der Situation gewesen sei, gibt Christian Haase zu. „Ich habe gemerkt, dass ich in dieser Zeit mit Gott auch Tacheles reden darf und dass er meine Grenzen auslotet. Das war mir eine große Hilfe und Stütze in dieser Zeit.“ Auch Christine Sosna hat in den letzten Monaten Kraft und Mut im Glauben gefunden, um hoffnungsvoll weiterzumachen: „Ich hatte in dieser Zeit keine Angst, sondern fühlte mich durch meinen Glauben getragen.“

Bedeutung des Augenblicks

Pastor Achim Hoppe, Schulseelsorger an den Schulen St. Michael in Paderborn.Foto: David Hesse / Erzbistum PaderbornAm St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn wird es zum Ende des Schuljahres nicht nur für die Jahrgangstufe 5 einen Abschlussgottesdienst geben, sondern auch für die Abiturienten. Dieser wird live im Internet übertragen. „Die Stufensprecherinnen und -sprecher des Jahrgangs kamen auf mich zu und haben sich einen Abschlussgottesdienst mit der Stufe gewünscht“, sagt Diakon Springob. „Das hat mich in meiner Erfahrung bestätigt, dass das Miteinander in der Schulgemeinschaft nicht nur auf einer technischen und fachlichen Ebene gut funktioniert, sondern dass auch im menschlichen Bereich eine tolle Basis vorhanden ist“, ist Sebastian Springob überzeugt.

Seine eigene Erfahrung aus der Krise ist vor allem die der Bewahrung von Hoffnung und Zuversicht: „Es gilt, die Planbarkeit und scheinbar absolute Verfügbarkeit des Lebens zu reflektieren und zu überdenken, das Leben im Hier und Jetzt zu trainieren, die Bedeutung des Augenblicks neu zu entdecken und schätzen zu lernen.“

Gebet für andere wichtig

Gefragt nach ihrer persönlichen Glaubens-Erfahrung aus der Corona-Krise, müssen Achim Hoppe und Bettina Schmidt ebenfalls nicht lange überlegen: „Dass wir die Hoffnungen niemals verlieren dürfen, dass unser Glaube uns Kraft schenkt und dass auch unser Gebet für die anderen wichtig ist.“ Ebenso möchten sie den Menschen, denen sie in der Schulgemeinschaft begegnen, mit auf den Weg geben, vertrauensvoll, aber auch verantwortungsvoll und achtsam in die Zukunft zu gehen: „Das Leben, das Gott uns schenkt, ist nicht selbstverständlich, sondern muss gehütet und behütet werden.“

Gemeinsames Leitbild

Seit 2010 haben die katholischen Schulen im Erzbistum Paderborn ein gemeinsames Leitbild als „Mehr-Wert“ über die Qualität des Unterrichts hinaus. Es umfasst sieben Themenkomplexe – von der Würde des Menschen über ökumenische Offenheit bis hin zur Schöpfungsverantwortung. „Katholisch“ ist dabei keine Abgrenzung, sondern ein besonderes Charakteristikum.

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